Gott der Herr ist Sonn und Schild - Bachipedia.org (2022)

Elisabeth Binder

Sonnenreflexion

«Gott der Herr ist Sonn und Schild» (BWV 79) lädt zum Nachdenken über den Stellenwert der Natur im Kantatenwerk des Thomaskantors ein. Wie steht es um die Beziehung zwischen der Schönheit der Kunst und der Schönheit der Natur? Welche Bedeutung hat das Sonnenlicht überhaupt für unser Verständnis des Schönen? Wer die Frage nach Bachs Naturempfinden stellt, sollte auch noch einmal Franz von Assisi, Hugo von Hofmannsthal und Gottfried Keller lesen.

Wer von Ihnen, oder um mich einzuschliessen: wer von uns hat schon einmal einen Sonnenaufgang erlebt? Ich meine wirklich erlebt. Einen haben wir wohl gerade eben erlebt, mit dem Eingangssatz der heutigen Kantate (BWV 79), einen herrlich klang- und sangvollen: «Gott der Herr ist Sonn und Schild».

(Video) J.S. Bach - Cantata BWV 79 "Gott der Herr ist Sonn und Schild" (J.S. Bach Foundation)

Aber ich meine jetzt nicht diesen, noch nicht diesen musikalisch-symbolischen. Ich möchte noch einen kleinen Umweg machen. In der Hoffnung, von diesem Umweg für das Verständnis der heutigen Kantate etwas mitzubringen. Ich meine den Aufgang der Sonne, die uns den Tag bringt, und die wir, mit unserem Alltag beschäftigt, womöglich zu selten begrüssen, wie es ihrer Bedeutung für unsere und für jede Existenz auf dieser Erde angemessen wäre. Weshalb man gelegentlich an Hugo von Hofmannsthals Gewissensfrage denken sollte. Es ist in seinem in Venedig spielenden Romanfragment Andreas oder die Vereinigten der weltweise und geheimnisvolle Malteserritter Sacramozzo, der in seinem zu Ende gehenden Leben die Frage noch einmal in den Raum stellt: «Jeden Morgen geht die Sonne über Millionen Menschen auf, aber wo ist unter Millionen das eine Herz, das ihr rein entgegenklingt?» Nicht entgegenschlägt: «entgegenklingt»!
«Rein», das heisst: poetisch, klang und klingt ihr aus allen Weltgegenden und durch alle Kulturen und Jahrhunderte oft die Dichtung entgegen. Zu denken wäre da, um beim Näherliegenden zu bleiben, etwa an Gottfried Keller, dessen Roman Der grüne Heinrich in seiner ersten Fassung an einem «frühesten Ostermorgen», kurz vor Sonnenaufgang, beginnt. Und zwar auf einem «Felsenberg», man wird sich den Uetliberg dabei denken müssen, wo hinauf der junge Heinrich Lee gestiegen ist, um vor seinem Aufbruch nach Deutschland von der «bisher nie verlassenen Heimat» Abschied zu nehmen, während er gleichzeitig den, wie Keller schreibt, für «enthusiastische Jünglinge» typischen «Akt eines Naturkultes» begeht, nämlich: die Sonne, den Morgen zu begrüssen.
«Der weite See verschmolz mit den Füßen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung; die Schneekuppen und Hörner standen milchblaß in der Frühe. Als Heinrich an den Rand des Waldes trat, überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die geisterhaften Gebilde; über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der Morgenstern. Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah, tat er einen jener stummen, flüchtigen Gebetsseufzer, die, wenn sie in Worte zu fassen wären, ungefähr so lauten würden: Das ist sehr schön, o Gott! Ich danke dir dafür, ich gelobe, das Meinige auch zu tun!»
Da aber der junge Heinrich Lee mit einem «Herz voll Hoffnung und blühendem Weltmut» nach Deutschland, genauer: nach München fährt, um dort Künstler zu werden, steckt in dem «Meinigen» auch das Bekenntnis oder der Drang zu einer Kunst, die der Schönheit der Natur, welche die Sonne erst sichtbar macht und zum Leuchten bringt, antwortet, andachtsvoll antwortet, oder, mit Hofmannsthal zu sprechen: ihr «entgegenklingt». Und das ist dann allerdings auch Kellers eigene Poetik. Wie sie zum Ausdruck kommt in dem bekannten Vers aus dem Gedicht Die Zeit geht nicht:

«Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.»

Wo es dann in einer nächsten Strophe heisst:

(Video) Workshop zur Kantate BWV 79 "Gott der Herr ist Sonn und Schild" (J.S. Bach-Stiftung)

«An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End’,
Auch ich schreib’ meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.»

«Schönheit ist Natur / Natur ist Schönheit», notierte Keller schon als 19-Jähriger. Um gleich darauf, in jugendlichem Pathos, auch der Kunst ihr Ziel zu setzen: «Schöne Kunst ist diejenige, die das hohe Ziel hat, die Menschheit zu veredeln, ihr das Schöne, Wahre, Erhabene zu zeigen, ihren Sinn für die Natur zu wecken, das Laster in seiner ganzen Hässlichkeit darzustellen – mit einem Worte, den Menschen auf den Punkt zu erheben, für den ihn der Schöpfer bestimmt hat.»
Von einem Sündenfall ist hier zwar nicht die Rede. Aber etwas muss doch dazwischen gekommen sein, wenn der Mensch, anders als die Natur, der «schönen Kunst» bedarf, um zu dem, von seinem Schöpfer ebenso schön gedachten Wesen erst zu werden. Der Künstler würde also, so der hochherzige, von der Moderne allerdings Welten entfernte Gedanke, mit dem Schöpfer zusammen an einem universalen Schönheitsprojekt arbeiten.
Ob Johann Sebastian Bach bei seiner Kunst nicht eine ähnliche Zusammenarbeit und ein vergleichbares Schönheitsprojekt vor Augen hatte? Nun wissen wir von seiner Naturbeziehung ebenso wenig wie von seinen übrigen Weltansichten. Möglich, dass er, was die Natur betraf, im Rahmen der zu seiner Zeit noch wenig aufgeklärten Lutherischen Kirche und Leipziger Geistlichkeit blieb.
Doch in diesem Rahmen, in dem ja auch sein Kantatenwerk steht, hat er die Schöpfung vielfach und mit dem entsprechenden musikalischen Enthusiasmus gepriesen. Und wenn man es auch nie wird beweisen können, so will einem doch scheinen, es sei die hinreissende Vielgestaltigkeit auch nur seines Kantatenwerks, einmal abgesehen von all den anderen Inspirationen, den musikalischen, den theologischen, die seinem Genie zu gute kommen mochten, ohne die fromme und freudige Vorstellung einer in der Vielgestaltigkeit und Harmonie von Natur und Kosmos wirksamen Schöpfungskraft, gar nicht denkbar. Wer weiss, ob ihm bei der mit seiner Kunst des Kontrapunkts angestrebten «Vollstimmigkeit», von der sein Sohn Carl Philipp Emanuel einmal spricht, nicht die Vollstimmigkeit von Gottes Schöpfung, unbedingt vorbildlich, unbedingt inspirierend, vorschwebte. Wenn jedenfalls in der zweiten Kantate Die Himmel erzählen die Ehre Gottes (BWV 76), mit der er im Sommer 1723 seinen Einstand als Thomaskantor gab, der erstaunliche Satz fällt: «Natur und Gnad redt alle Menschen» an, so könnte man dies schon fast als eine Art Programm verstehen: «Natur und Gnad».
Letztere aber, die Gnade, führt mich nun zum zweiten Teil meiner Sonnenreflexion, und von da dann auch zurück zu der heutigen Kantate. Doch ich möchte auch hier noch einen ganz kleinen Umweg machen. Und zwar über einen sehr viel älteren Dichter: Franz von Assisi, der sicher nicht der erste ist, der in der Sonne ein Symbol Gottes gepriesen hat, aber ihn kann man einmal an den Anfang setzen mit seinem Laudato si, seinem Sonnengesang. Wo es gleich zu Beginn von der italienisch männlichen und also brüderlichen Sonne heisst:

«Laudato si – Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder Sonne,
der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in grossem Glanz (cun grande splendore):
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.»

(Video) J.S. Bach - Cantata BWV 80 "Ein feste Burg ist unser Gott" (J.S. Bach Foundation)

Hier ist es nun ganz deutlich gesagt. Die Sonne wird nicht direkt als Gottheit verehrt, wie dies in den eigentlichen Sonnenkulten, etwa dem spätrömischen des sol invictus der Fall ist, der in Rom verbreitet war, als das Christentum dort Wurzeln fasste, und von dem das christliche Weihnachtsfest dann auch das Datum, nämlich das der Wintersonnwende, übernommen hat. In der Sonne wird vielmehr eine Manifestation Gottes verehrt, der in seiner unendlichen Grösse unserer Fassungskraft absolut entzogen ist, während er sich gleichzeitig in seiner Schöpfung, und insbesondere in deren Zentralgestirn, wunderbarerweise eben doch, und da für uns fassbar, offenbart.
Und hier kann man nun gleich einen Sprung machen zu dem im reformierten Glaubensgebiet so wichtig gewordenen Dichter Paul Gerhardt, dessen Lieder schon zu Bachs Zeiten im Lutherischen Gesangbuch standen. Darunter das schöne Morgenlied, das auch Bach vertont hat: Die güldne Sonne.

«Die güldne Sonne
voll Freud und Wonne
bringt unsern Grenzen
mit ihrem Glänzen
ein herzerquickenes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder,
die lagen darnieder,
aber nun steh ich,
bin munter und fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.»

Da ist zweifellos die Morgensonne, die natürliche, die wir sehen können auf den Weltdingen und fühlen auf unserm Gesicht, wirklich gemeint. Und gleichzeitig liegt in der zauberhaften lautlichen Modulation von «Grenzen» zu «Glänzen» schon eine ganze Metaphysik. In die Grenzen unseres irdischen und endlichen Daseins kommt ein Glänzen. Und dieses wiederum wird zum Sinnbild für das, was bei Luther so zentral ist: die Gnade. Gottes gnadenvolle Zuwendung zu dem von ihm Geschaffenen und insbesondere zu dem, seit dem Sündenfall auf tragische Weise aus der Schöpfung herausgerückten Menschen – eine Zuwendung, die sich in Christi Geburt, Leben, Sterben und Auferstehung, und seither in seinem Wort, den Evangelien, offenbart – bringt in die Welt und speziell in unsere bedürftige Existenz dieses «Glänzen».
Von der «Gnadensonne», vom «Gnadenglanz» ist in diesem Zusammenhang dann in den Kirchenliedern und auch bei Bach oft die Rede, indirekt auch in der heutigen Kantate: dem Statement «Gott der Herr ist Sonn und Schild» folgt ja sogleich die Erklärung: «Der Herr gibt Gnade und Ehre.»
«Glanz» und «Gnade» also. Und hier erhält nun die Sonne noch einmal eine ganz andere, im Grunde erst jetzt eigentlich heilsgeschichtliche Dimension. Denn diese Sonne, diese Gnadensonne leuchtet, blitzt, funkelt, wenn sie aufgeht, unvermittelt (denn es braucht da, nach Luther, keine Vermittlung, höchstens die von Christus selbst) in unsere «Herzensstube», die dann ebenfalls blitzt und funkelt, wie jener «Tropfen Morgentau» bei Gottfried Keller. Ja, in barockem Überschwang noch weit mehr. So heisst es am Ende der fünften Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium:

(Video) J.S. Bach - Cantata BWV 187 "Es wartet alles auf dich" (J.S. Bach Foundation)

«Zwar ist solche Herzensstube
wohl kein schöner Fürstensaal,
sondern eine finstre Grube;
doch sobald dein Gnadenstrahl
in denselben nur wird blinken,
wird er voller Sonnen dünken.»

Hier also herrscht, könnte ich sagen, auf Hofmannsthal zurückkommend, «reiner Entgegenklang». Wenn diese «Herzensstube» offen, also empfänglich ist für den «Gnadenstrahl» (was bei Luther wiederum nichts anderes als Glaube heisst), dann wird sie geradezu in Sonne verwandelt: eine leuchtende Angelegenheit.
Nun wusste aber Bach zu gut, und wir wissen es auch und noch viel besser, da unsere Gesellschaft nicht im geringsten mehr darauf eingestellt ist, dass es mit diesem «Entgegenklang» gewöhnlich nicht allzu weit her ist. Und dass das Rühmen, Loben, Preisen, Danken, von dem die heutige Kantate erfüllt ist, und das Luther bekanntlich im Vogelgesang, speziell dem der Nachtigall auf so beglückende Weise verkörpert sah, dem Menschen nichts wirklich Angeborenes, in der Ich-Befangenheit, den Umtrieben des Alltags, dem Lärm der Zeit keinesfalls Selbstverständliches ist.
Und hier genau, meine ich, setzt Bach an mit seinem Kantatenwerk. Diese für sich genommen eher unerleuchtete, sang- und klanglose «Herzensstube» muss er im Sinn gehabt haben, wenn er in seiner Komponierstube sass. Aber eben nicht nur die «Herzensstube » – auch den «Gnadenstrahl». Der muss ihm assistiert haben, wenn die von gläubiger Inbrunst getragenen, jedoch selten dichterischen, der religiösen, nicht der «ästhetischen Erziehung des Menschen» dienenden Texte, sich Mal für Mal, und vielleicht ihm selber ein Wunder, in schöne, erzlebendige Musik verwandelten.
Und wenn ihm seine Zeitgenossen (Kritiker, die es damals schon gab) mitunter vorgeworfen haben, er verdunkle die Schönheit seiner Musik durch «zu viel Kunst», mit anderen Worten: Schönheit wäre doch auch einfacher und eingängiger zu haben, so war es für die Nachwelt und ist es für uns heute wohl gerade dieses «zu viel» an Kunst, das uns eine Spiritualität erfahrbar macht, wie wir sie von keinem anderen Komponisten kennen. Eine Spiritualität, die, im Irdischen verwurzelt, durchaus etwas Bodenständiges hat, während sie nicht selten an den Himmel anzureichen scheint. Und die ganz offensichtlich Menschen aus anderen Kulturen und Weltgegenden genauso ergreift. Als gelte wirklich, was Bach selbst einmal notiert hat: «Bey einer andächtigen Musig ist allezeit Gott mit seiner Gnaden-Gegenwart.»
Und dieses «allezeit» gilt dann zweifellos bis heute. Bis zu diesem oder dem nächsten Augenblick, wo wir noch einmal hören können, wie Bach diese Sonne aufgehen lässt. Vielmehr: ihr «entgegenklingt».
Mit Glanz und Gloria: «Gott der Herr ist Sonn und Schild.»

Videos

1. J.S. Bach - Cantata BWV 96 "Herr Christ, der einge Gottessohn" (J.S. Bach Foundation)
(Bachstiftung)
2. J.S. Bach - Cantata BWV 88 "Siehe, ich will viel Fischer aussenden" (J.S. Bach Foundation)
(Bachstiftung)
3. Workshop zur Kantate BWV 80 "Ein feste Burg ist unser Gott" (J.S. Bach-Stiftung)
(Bachstiftung)
4. J.S. Bach - Cantata BWV 63 "Christen, ätzet diesen Tag" (J.S. Bach Foundation)
(Bachstiftung)
5. J.S. Bach - Cantata BWV 72 "Alles nur nach Gottes Willen" (J.S. Bach Foundation)
(Bachstiftung)
6. J.S. Bach - Cantata BWV 91 "Gelobet seist du, Jesu Christ" (J.S. Bach Foundation)
(Bachstiftung)

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Author: Manual Maggio

Last Updated: 09/23/2022

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